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ABNR-Info | 01|2022

Sehr geehrte Damen und Herren,

diese erste Ausgabe des ABNR-Infos im Jahr 2022 legt einen Schwerpunkt auf Europa, denn nicht nur vor dem Hintergrund des verbrecherischen Krieges in der Ukraine, sondern auch im Hinblick auf die Bedeutung der Europäischen Union (EU) als Gesetzgeberin für den Bereich der Tabakkontrolle wird die Bedeutung von Europa aktuell wieder mehr als deutlich.

Die EU-Kommission will in Kürze den ersten Vorschlag für eine Revision der EU-Tabaksteuerrichtlinie vorlegen und auch die Überarbeitung der EU-Tabakproduktrichtlinie steht demnächst an. Der Europäische Gerichtshof hat Ende letzten Jahres die Pflichten für Warnhinweise bei Zigaretten verschärft und das EU-Parlament hat im Februar eine wirksamere EU-Krebsbekämpfungsstrategie gefordert. Aber auch einige EU-Mitgliedstaaten waren sehr aktiv: So hat das litauische Parlament sich Anfang des Jahres für ein Verkaufsverbot von aromahaltigen E-Zigaretten und Liquids ab Juli 2022 entschieden, der spanische Gesetzgeber setzt sich für rauchfreie Strände ein, in den Niederlanden gilt seit Anfang des Jahres ein Rauchverbot im LKW aus Gründen des Arbeitsschutzes und in der Schweiz wurde die Tabakwerbung im Rahmen einer Volksabstimmung deutlich eingeschränkt.

Der Blick nach Brüssel und zu unseren europäischen Nachbarn lohnt sich derzeit nicht nur, er ist essentiell. Auch – oder sollten wir besser sagen: gerade – für Deutschland, das nach dem Ergebnis der Europäischen Tabakkontroll-Skala 2019 unter den untersuchten 36 Ländern den traurigen letzten Platz einnimmt.

Wir wünschen allen Leser:innen – trotz der aktuellen Herausforderungen unserer Zeit – einen schönen Start in den Frühling und ein erholsames Osterfest.

Ihr ABNR-Team

Aus der Politik & Rechtliches – national
Burkhard Blienert ist neuer Sucht- und Drogenbeauftragter der Bundesregierung
Burkhard Blienert ist seit dem 12.1.2022 Beauftragter der Bundesregierung für Sucht- und Drogenfragen. Er beschäftigt sich seit etwa zehn Jahren mit Fragen der Drogen- und Suchtpolitik, war in der 18. Wahlperiode (2013-2017) Mitglied des Deutschen Bundestages und während dieser Zeit Berichterstatter der SPD-Fraktion für Drogen- und Suchtfragen. Bereits zu Beginn seiner Amtszeit hat er die Einführung von neutralen Einheitsverpackungen für Zigaretten ins Gespräch gebracht. Zudem kündigte er die im Koalitionsvertrag der Ampel-Regierung verankerte regulierte Abgabe von Cannabis an Erwachsene in der laufenden Legislaturperiode an, dämpfte jedoch gleichzeitig die Erwartungen an eine rasche Cannabislegalisierung. Zudem wünscht er sich größere Anstrengungen bei der Reduzierung drogenbedingter Schäden.

Start des öffentlichen Lobbyregisters
Am 1. Januar 2022 ist das Gesetz zur Einführung eines Lobbyregisters für die Interessenvertretung gegenüber dem Deutschen Bundestag und gegenüber der Bundesregierung (Lobbyregistergesetz) in Kraft getreten. Das neue Lobbyregister wird beim Deutschen Bundestag geführt und ist seit dem 1. Januar 2022 öffentlich zugänglich. Die Schaffung einer Registrierungspflicht für Lobbyisten soll eine weitgehende strukturelle Transparenz von Interessenvertretung auf Bundesebene gewährleisten. Nach Ansicht der Linksfraktion im Deutschen Bundestag muss das Lobbyregistergesetz überarbeitet und verschärft werden, da es zu viele Ausnahmen enthalte und zu geringe Sanktionen vorsehe, wie es im Antrag der LINKE heißt. Zudem solle die konkrete Einflussnahme von Lobbyisten auf Gesetz- und Verordnungsentwürfe durch einen legislativen Fußabdruck dokumentiert werden. In einem weiteren Antrag fordert die Fraktion ein Verbot von Unternehmensspenden an Parteien und weitere Verschärfungen im Bereich der Parteienfinanzierung.

Bundesrat fordert Rauchverbot in Autos
Die Länderkammer möchte das Rauchen im Auto verbieten lassen, wenn Schwangere und Kinder dabei sind. Am 11. März 2022 wurde beschlossen, einen entsprechenden Gesetzentwurf beim Bundestag einzubringen. Im Falle eines Verstoßes soll ein Bußgeld von 500 bis 3.000 Euro drohen. Zur Begründung verweist der Bundesrat auf die massiven Folgen des Passivrauchens. Der Gesetzentwurf wird nun über die Bundesregierung dem Bundestag zugeleitet, der darüber entscheidet, ob er den Vorschlag des Bundesrates aufgreifen will.

G-BA fasst Beschlüsse zur medikamentösen Tabakentwöhnung
Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) hat in seiner Sitzung am 18. März 2022 beschlossen, ein Beratungsverfahren zur Regelung des gesetzlichen Anspruchs auf Arzneimittel zur Tabakentwöhnung  (nach § 34 Absatz 2 SGB V) einzuleiten. Ergänzend wurde das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) beauftragt, eine Nutzenbewertung von vier Arzneimitteln durchzuführen (Bupropion, Cytisin, Nicotin und Vareniclin). Das Ergebnis wird dem G-BA voraussichtlich im vierten Quartal 2023 vorliegen und in die Beratungen einbezogen werden.

Tabaksteuererhöhung zum Jahreswechsel
Seit dem 1. Januar 2022 gilt in Deutschland eine höhere Tabaksteuer. Es handelt sich um die erste Erhöhung seit 2015. Eine Packung mit 20 Zigaretten kostet in Deutschland jetzt im Durchschnitt 10 Cent mehr. Ab 2023 werden weitere 10 Cent aufgeschlagen und in den Jahren 2025 und 2026 kommen noch einmal jeweils 15 Cent pro Packung hinzu, so dass eine Zigaretten-Packung im Jahre 2026 voraussichtlich 50 Cent mehr als bislang kosten wird.

Verbot von E-Zigaretten für Kinder und Jugendliche evaluiert
Eine wissenschaftliche Evaluation des seit 2016 bestehenden Verbots von E-Zigaretten und elektronischen Shishas für Kinder und Jugendliche kommt zu nicht ganz eindeutigen Ergebnissen. Dies zeigt der Evaluationsbericht, den die Bundesregierung vorgelegt hat. Der Konsum von E-Zigaretten sei im Zeitraum von 2012 bis 2019 zwar gestiegen, man könne daraus jedoch nicht schließen, dass die Gesetzgebung diese Trendsteigerung bewirkt habe. Es sei wahrscheinlich, dass andere Faktoren wie Werbung oder die allgemeine Verbreitung der Produkte die Steigerung bewirkt oder zumindest dazu beigetragen hätten. Dem Bericht zufolge könnte die sinkende Attraktivität von Tabakzigaretten ein Faktor für den steigenden Konsum von E-Zigaretten sein, während die Nutzung von E-Shishas rückläufig sei. In ihrem Bericht forderten die Wissenschaftler:innen eine schnelle Ausweitung des Werbeverbots für E-Zigaretten und empfahlen einen konsequenten Vollzug des Jugendschutzgesetzes.

Ärzte begrüßen Verbot der Plakatwerbung für Tabak
Die Ärzteschaft begrüßt das zum Jahreswechsel in Kraft getretene Verbot der Plakatwerbung für Tabak (Ärzteblatt). Für Tabakerhitzer soll das Verbot ab Anfang 2023 greifen, für E-Zigaretten erst ab Anfang 2024.

Nichtraucherschutz an hessischen Schulen
Im Rahmen einer Kleinen Anfrage der SPD-Fraktion im Hessischen Landtag wurde der Nichtraucherschutz an hessischen Schulen thematisch aufgegriffen. Hintergrund: Während das Hessische Nichtraucherschutzgesetz im vergangenen Jahr angepasst und insbesondere der Konsum von E-Zigaretten und Tabakerhitzern analog zum Rauchen von Tabakprodukten als Verbotstatbestand in das Gesetz aufgenommen wurde, ist eine parallele Änderung des Hessischen Schulgesetzes, in dem das Rauchen im Schulbereich geregelt wird, bisher unterblieben.

Aus der Politik & Rechtliches – international
Europäische Union: Revision der Tabaksteuer-Richtlinie
Im Februar 2020 veröffentlichte die Europäische Kommission die Bewertung der Funktionsweise der Richtlinie 2011/64/EU (EU-Tabaksteuer-Richtlinie). Diese Bewertung zeigte, dass die derzeitigen Vorschriften zwar hinsichtlich Vorhersehbarkeit und Stabilität der Steuereinnahmen der Mitgliedsländer gut funktionieren, jedoch weniger wirksam darin sind, Menschen vom Tabakkonsum abzuhalten. Die Schlussfolgerung: Es bedarf eines umfassenderen und ganzheitlichen Ansatzes, der alle Aspekte der Eindämmung des Tabakkonsums berücksichtigt: Öffentliche Gesundheit, Besteuerung, Bekämpfung des illegalen Handels und Umweltbelange. Die Revision der Tabaksteuer-Richtlinie soll auf der Tagesordnung der Sitzung der EU-Kommission Mitte Mai 2022 stehen. Zum Inhalt des Kommissionsvorschlags liegen bisher noch keine Informationen vor.

Europäischer Gerichtshof verschärft Pflichten für Warnhinweise bei Zigaretten
Nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) vom 9. Dezember 2021 reicht es nicht aus, wenn Warnhinweise auf Zigarettenschachteln erst an der Kasse sichtbar sind. Ein gemeinnütziger deutscher Verein hatte zuvor einen Supermarktbetreiber verklagt, in dessen Ladengeschäften Zigaretten an den Kassen über Ausgabeautomaten vorrätig gehalten wurden. Die Auswahltasten waren lediglich mit grafischen Darstellungen der Zigarettenmarken versehen, jedoch ohne die gesetzlich vorgeschriebenen Warnhinweise zu Gesundheitsschädigungen.

EU-Parlament fordert wirksamere EU-Krebsbekämpfungsstrategie
Das EU-Parlament hat seine endgültigen Empfehlungen für eine umfassende und koordinierte Strategie der EU zur Krebsbekämpfung mit großer Mehrheit angenommen. Die Entschließung des Europäischen Parlaments vom 16. Februar 2022 zu der Stärkung Europas im Kampf gegen Krebserkrankungen beinhaltet Maßnahmen zur stärkeren Bekämpfung umwelt-, lebensstil- und arbeitsbedingter Risikofaktoren, einen besseren Zugang zu grenzüberschreitender Gesundheitsversorgung und klinischen Studien für Krebspatienten sowie einen effizienteren Umgang mit Engpässen bei Krebsmedikamenten.

Litauisches Parlament verbietet aromatisierte Liquids für E-Zigaretten
Der Verkauf von aromahaltigen E-Zigaretten und Liquids ist ab Juli 2022 verboten, wie das litauische Parlament Anfang des Jahres entschied. In Litauen existiert bereits ein Verkaufsverbot für E-Zigaretten und Liquids, sofern sie Vitamine oder andere Zusatzstoffe enthalten, welche den Eindruck einer gesundheitsfördernden oder weniger gesundheitsschädigenden Wirkung hervorrufen.

Niederlande: Rauchverbot im LKW ab dem 1. Januar 2022
Ab Januar 2022 wird in den Niederlanden das Rauchverbot am Arbeitsplatz ausgeweitet. Folge: Es ist LKW-Fahrern verboten, in der Kabine zu rauchen. Bei Verstößen gegen das Verbot drohen hohe Geldstrafen. Auch das italienische Parlament beriet im Herbst zuletzt über ein Rauchverbot am Steuer.

Spanien: Rauchfreiheit an Stränden und im Straßenverkehr
Spanien will alle Strände rauchfrei machen: Ein neues Abfallgesetz soll die Strände zu ziga-rettenfreien Zonen machen – bei Verstoß ist mit bis zu 2.000 Euro Strafe zu rechnen (Süddeutsche Zeitung). Ergänzend tritt im März 2022 eine Änderung des Straßenverkehrsgesetzes in Kraft, die das „Aus-dem-Fester-Werfen“ von Zigarettenstummeln zukünftig härter bestraft.

Volksabstimmung: Die Schweiz schränkt Tabakwerbung weiter ein
Die Schweizer Bevölkerung hat abgestimmt: Die Tabakwerbung wird deutlich eingeschränkt (Frankfurter Allgemeine Zeitung, Neue Zürcher Zeitung). Das Volk hat damit die Initiative «Kinder ohne Tabak» angenommen, so dass Werbung für Zigaretten zukünftig in Zeitungen, an Kiosken oder im Rahmen von Open Air-Veranstaltungen nicht mehr erlaubt ist – unklar bleibt jedoch die Lage beim Marketing in den sozialen Medien. Bundesrat und Parlament sind nun in der Verantwortung für eine schnelle Umsetzung.

Genf wird zum Vorreiterkanton im Kampf gegen das Rauchen im öffentlichen Raum
In Genf wird künftig das Rauchen an vielen öffentlichen Orten untersagt sein. So wird etwa das Rauchen an Bushaltestellen, in der Umgebung von Schulen sowie auf Sportplätzen und -zentren verboten. Damit soll die Bevölkerung – insbesondere Kinder und Jugendliche – vor schädlichen Emissionen geschützt werden.

Dänemark erwägt Tabakverkaufsverbot für künftige Generationen
Die dänische Regierung plant – offenbar im Rahmen einer bevorstehenden Gesundheitsreform – den Verkauf von Tabakwaren für Menschen ab dem Geburtsjahrgang 2010 stufenweise zu verbieten. Ziel der Maßnahme ist es, den Tabakkonsum in Dänemark erheblich zu reduzieren. Von dem möglichen Verbot betroffen wären nicht nur Zigaretten, sondern auch der in Dänemark populäre Oraltabak Snus.

Kalifornisches Gesetz gegen Kippen-Müll
Im US-Bundesstaat Kalifornien wurde ein Gesetz (Assembly Bill 1690) auf den Weg gebracht, welches zukünftig Zigarettenfilter zur Einmal-Nutzung, E-Zigaretten und weitere Vape-Produkte mit dem Ziel verbieten soll, die Umwelt und die öffentliche Gesundheit zu schützen. Wie die Los Angeles Times berichtet, ist im Bundesstaat New York ein ähnliches Gesetz geplant.

Aus der Wissenschaft
Passivrauchen in der Kindheit erhöht das Risiko an Brustkrebs zu erkranken
In der Arbeit um Braaten und Kolleg*innen wurde gezeigt, dass die Exposition gegenüber Passivrauch in einer Nachbeobachtung unter 34- bis 70-jährigen norwegischen Frauen zu einem 11 % höheren Risiko führt, an Brustkrebs zu erkranken. Insgesamt wurden 45.923 Frauen, über ein durchschnittliches Follow up von 19,8 Jahren, mit Fragebögen begleitet. Auswirkungen auf den Östrogen- und Progesteron-Rezeptor konnten dabei allerdings nicht nachgewiesen werden. Die Autor:innen der Studie schließen aus den Ergebnissen, dass eine von 14 Brustkrebserkrankungen durch fehlende Passivrauchexposition hätte vermieden werden können.
International Journal of Epidemiologie

Rauchfreie Tabakprodukte führen zu keinem erhöhten Anstieg der Biomarker für eine koronare Herzerkrankung
In der Arbeit um Rezk-Hanna und Kolleg:innen wurde Tabakrauch den rauchfreien Tabakprodukten im Hinblick auf Biomarker für Entzündungen sowie kardiovaskuläre Erkrankungen gegenübergestellt. Es wurden insgesamt 4.347 Probanden zwischen 2013 und 2014 eingeschlossen und untersucht. Nutzer:innen rauchfreier Tabakprodukte zeigten höhere Nikotinspiegel, jedoch niedrigere Marker für Entzündung und oxidativen Stress, verglichen mit Raucher:innen. Eine Korrelation zwischen Nikotinäquivalenten und inflammatorischen Biomarkern zeigte sich nur für den Tabakrauch. Die Spiegel der Biomarker lagen vergleichbar auf dem Niveau von Nichtraucher:innen. Die Autor:innen schließen aus den Ergebnissen, dass rauchfreie Tabakprodukte mit einem niedrigeren Risiko für die Entstehung kardiovaskulärer Erkrankungen assoziiert sind. Es scheint, dass maßgeblich die Tabakinhaltsstoffe für das erhöhte Risiko einer koronaren Herzerkrankung verantwortlich sind. Nicotine & Tobacco Research

Review – “mögliche, langfristige Auswirkung von E-Zigaretten auf die Lunge”
Im Review von Davis und Kolleg:innen wird der aktuelle Wissensstand zu den möglichen Schäden bzw. Auswirkungen der E-Zigarette auf die Lungengesundheit zusammengefasst. Es wurden, neben klinischen Arbeiten, auch in-vivo und in-vitro Modelle berücksichtigt. Zusammenfassend kommen die Autor:innen zu dem Schluss, dass es zu einer Dysregulation u.a. bei den inflammatorischen Cytokinen, oxidativem Stress und fehlender Immunantwort kommt, sodass diese Veränderungen mit der bekannten Pathogenese der COPD beim Rauchen verglichen werden können.
European Respiratory Society

Psoriasis durch Passivrauch bei Kindern
Kinder, die zu Hause dem Passivrauch ihrer Eltern ausgesetzt sind, scheinen signifikant häufiger eine Psoriasis noch vor dem 18. Lebensjahr zu entwickeln als Kinder ohne diese Exposition. Zu diesem Ergebnis kam eine Studie von Atak und Kolleg:innen der Universität Ankara mit 130 an Psoriasis erkrankten Kindern. Dafür verantwortlich könnte eine Blockade der Reifung von Keratinozyten durch Abbauprodukte von Nikotin, eine Anregung der Produktion bestimmter Zytokine durch Nikotin oder auch oxidativer Stress verursacht durch Nikotinmetabolite sein.
Pädiatrische Dermatologie

Tabakentwöhnung – Ein „Stiefkind“ im ärztlichen Alltag
Rauchen ist nach wie vor der größte vermeidbare Risikofaktor für die Entstehung und den Verlauf einer Vielzahl von Erkrankungen. Obwohl in Deutschland etwa dreiviertel aller Rauchenden sich wünschten, niemals mit dem Rauchen begonnen zu haben und jeder fünfte Rauchende mindestens einen Rauchstoppversuch im Jahr unternimmt, ist die Tabakentwöhnung in der Behandlungsroutine Deutschlands bislang kaum umgesetzt. Deshalb empfehlen K. Vitzthum und Kolleg:innen für jeden Rauchenden die ärztliche Empfehlung zum Rauchstopp und das Angebot einer Behandlung mit der Kombination aus medikamentöser Unterstützung und Beratung.
Pneumologie

Nikotin wirkt unterschiedlich – abhängig von der Lebensphase
Aufgrund der dynamischen Expression nikotinischer Acetylcholinrezeptoren (nAChRs) wirkt Nikotin je nach Lebensphase unterschiedlich auf die Struktur und Funktion des Gehirns sowie auf das Verhalten. M. Ren und Kollegen der Universität von Kalifornien in Irvine (USA) recherchierten relevante Publikationen von 1971-2021 und fanden heraus, dass die Expressionsmuster und die pharmakologischen und physiologischen Eigenschaften der nAChRs für den jeweiligen Entwicklungszeitraum (Perinatalperiode, Jugendalter, Erwachsenenalter, Seneszenz) unterschiedlich und einzigartig sind.
ScienceDirect

Giftige Metalle in E-Zigaretten
Zur Erzeugung des Dampfes in E-Zigaretten werden Metallspiralen verwendet, die meist aus Nickel und Chrom bestehen – beides inhalative Karzinogene. Es ist bekannt, dass die in E-Zigaretten verwendeten Liquids bereits toxisch wirkende Metalle wie Arsen und Blei enthalten, noch bevor sie mit der Metallspirale in Kontakt kommen. Kommen diese toxischen Verbindungen im Körper von Nutzer:innen von E-Zigaretten an? Rule und Kolleg:innen von der Johns-Hopkins-Universität gingen dieser Frage in der vom NIEHS finanzierten EMIT-Studie nach. Sie fanden signifikante Unterschiede im Hinblick auf den Metallgehalt in Blut, Speichel, Urin sowie im Ausatemkondensat von E-Zigaretten-Nutzer:innen verglichen mit Nichtraucher:innen. Die gesundheitlichen Auswirkungen der toxisch wirkenden Metalle sollten daher dringend weiter untersucht werden.
Environmental Factor

Weniger Alkoholkonsum durch Tabakentwöhnung?
Tabak- und Alkoholkonsum tritt häufig gemeinsam auf. Werden die Grenzen des risikoarmen Konsums von Alkohol (12g/24g Reinalkohol/Tag für Frauen/Männer und zwei alkoholfreie Tage/Woche) überschritten, sinkt die Chance für einen Rauchstopp. A. King und Kolleg:innen aus Chicago haben in ihrer Studie die Effektivität von Vareniclin und Nikotinpflastern, gegenüber der Kombination aus Placebo und Nikotinpflaster, untersucht. Einschlusskriterium für die Studie war u.a. ein riskanter Alkoholkonsum (Männer: > 14 Getränke/Woche und ein binge-Trinktag mit > 5 Getränken; Frauen: > 7 Getränke/Woche und ein binge-Trinktag mit > 4 Getränken). Nebeneffekt der Studie war, dass in beiden Studiengruppen der Alkoholkonsum zurückging und zwar bezogen auf die Anzahl der Trinktage sowie auch der binge-Trinktage. Der Unterschied des Rückgangs in den Studiengruppen war nicht signifikant.
JAMA Network

E-Zigaretten = Einstieg ins Rauchen?
Der wissenschaftliche Diskurs darüber, ob die Nutzung von E-Zigaretten den Einstieg in den regelmäßigen Konsum von Tabakprodukten wie z. B. Zigaretten befördert, wird aktuell weltweit geführt. Die Ergebnisse sind bislang widersprüchlich. In einer Studie von E. Beard und Kolleg:innen aus Großbritannien wurde diese Frage in einer Stichprobe von 37.105 jungen Erwachsenen im Alter zwischen 16-24 Jahre untersucht. Zentrale Schlussfolgerung ist, dass die Veränderungen in der Prävalenz der Nutzung der E-Zigarette nicht assoziiert sind mit dem Einstieg in den regelmäßigen Tabakkonsum. Assoziationen können nicht sicher ausgeschlossen werden für die Altersgruppe der 16-17-Jährigen. Schätzungen zufolge führt der Gebrauch der E-Zigarette in dieser Gruppe zu zusätzlich 7.200 Personen, die mit dem regelmäßigen Tabakkonsum beginnen. Dies ist zu sehen in der Relation zur Tabakrauchprävalenz in Höhe von 5 % (n = 74000), gemessen am Umfang der Gesamtpopulation der Altersgruppe (N = 1.490 000).
Addiction

Mehr Gesundheit durch die Nutzung von Twitter & Co
Der Austausch von Wissen und Erfahrungen zu Tabakprodukten wie der E-Zigarette erfolgt weltweit zunehmend über soziale Netzwerke. Um Kanäle wie z. B. Twitter für evidenzbasierte Informationen zur E-Zigarette zu erschließen, ist es notwendig, sogenannte tweets zu identifizieren, die Begriffe rund um das „Dampfen“ beinhalten. Ren und Kolleg*innen haben sich mit verschiedenen Methoden des Machine Learnings (u.a. Random Forrest, XGBoost) dieser Aufgabe angenommen und ein System anhand von tweets trainiert, die im Rahmen der E-Zigaretten -bzw. vapingbedingten Lungenerkankungen im Jahr 2019 gepostet wurden. Es wurden Anleitungen entwickelt, tweets in den sozialen Medien zu erkennen und für Zwecke der Verbreitung gesundheitsbezogener Informationen nutzbar zu machen.
Frontiers

Weitere News – national
22. BfR-Forum Verbraucherschutz „Chancen und Risiken der E-Zigarette“

Vom 28.  bis zum 29. April 2022 veranstaltet das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) das 22. BfR-Forum Verbraucherschutz zum Thema „Chancen und Risiken der E-Zigarette“. Anmeldeschluss für die Teilnahme (in Präsenz oder online) ist der 21. April 2022.

Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR): Gesundheitliche Risiken durch Aromen in E-Zigaretten
In seiner Stellungnahme Nr. 043/2021 vom 28. Dezember 2021 stellt das BfR gesundheitliche Risiken durch Aromen in E-Zigaretten fest und verweist auf ergänzenden Forschungsbedarf. Konkret angeregt wird u.a. die Aufnahme von Safrol, Sucralose und Menthol in Anlage 2 der Tabakerzeugnisverordnung (TabakerzV), welche die verbotenen Inhaltsstoffe in elektronischen Zigaretten und Nachfüllbehältern enthalten.

Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR): Gesundheitliche Bewertung von Nikotinbeuteln (Nikotinpouches)
In einer aktualisierten Stellungnahme Nr. 042/2021 vom 21. Dezember 2021 hat das BfR eine gesundheitliche Bewertung von Nikotinbeuteln (Nikotinpouches) vorgenommen.

Cannabis legalisieren? Sucht-Fachgesellschaften beziehen Position zu Ampel-Plänen
In einem Gemeinsamen Positionspapier beziehen die führenden deutschen Sucht-Fachgesellschaften – hierunter die Deutsche Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie (DG-Sucht), die Deutsche Gesellschaft für Suchtmedizin (DGS), die Deutsche Gesellschaft für Suchtpsychologie (dgsps) und die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) – Stellung zu den drogenpolitischen Pläne der Bundesregierung: SPD, Grüne und FDP wollen den Verkauf von Cannabis zu Genusszwecken an Erwachsene in lizensierten Geschäften erlauben. Sie richten sich mit fünf zentralen Forderungen an die politischen Entscheidungsträger:innen und fordern unter anderem eine klare staatliche Regelung des Verkaufs, die den Cannabiskonsum nicht fördert.

Umsetzung des geltenden Tabakwerbeverbots im Außenbereich
Der BdP (Bundesverband der Pneumologen, Schlaf- und Beatmungsmediziner e.V.) setzt sich für die finale Umsetzung des geltenden Tabakwerbeverbots im Außenbereich ein (Pressemitteilung). Die Pneumologen drängen auf konsequente Umsetzung des Tabakwerbeverbots und kritisieren, dass der Vertrieb von Tabakwaren über Automaten im Außenbereich immer noch weit verbreitet sei (Ärzteblatt).

Weltkrebstag: BZgA informiert über Risiken von Rauchen und Alkohol
Zum Weltkrebstag informierten die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) und der Drogenbeauftragte der Bundesregierung über die gesundheitlichen Risiken von Rauchen und Alkoholkonsum (Pressemitteilung BZgA, Pressemitteilung Bundesdrogenbeauftragter). Die Botschaft zum Weltkrebstag wurde in der Presse breit rezipiert (u.a. Stern, Ärzteblatt).

Dekade gegen Krebs: Neues Kapitel in der Krebsforschung
Krebs ist nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen weiterhin Todesursache Nummer zwei in Deutschland. Die Bundesregierung hat mit der Dekade gegen Krebs ihre Maßnahmen zur Krebsbehandlung gebündelt. Drei Jahre nach dem Start zog Bundesforschungsministerin Stark-Watzinger im Rahmen einer Pressekonferenz zum Thema „3 Jahre Nationale Dekade gegen Krebs; Start Allianz für Patientenbeteiligung“ am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg eine Zwischenbilanz.

Norbert Scherbaum neuer Vorstandsvorsitzender der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen e.V. (DHS)
Einstimmig wurde der Suchtexperte Prof. Dr. med. Norbert Scherbaum zum neuen Vorsitzenden des Vorstands der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen e.V. (DHS) gewählt.

Umweltaktionen: Zigarettenkippen sind Sondermüll
Bundesweit wurden im Rahmen verschiedener Aktionen auf die umweltschädigende Wirkung von weggeworfenen Zigarettenkippen hingewiesen: Unter anderem in Jülich, Schifferstadt und Hildesheim wurde zum großen Kippen-Sammeln – und damit zu einem verbesserten Grundwasserschutz – aufgerufen, während in der Regensburger Innenstadt neue Zigaretten-Sammelbehälter angebracht wurden.

Weitere News – international
WHO: Motto des Weltnichtrauchertages 2022
Das Motto des diesjährigen „World No Tobacco Day“ lautet “Tobacco: Threat to our environment". Die Kampagne soll auf den umweltschädigenden Aspekt von Tabakprodukten aufmerksam machen – vom Anbau über die Produktion, die Distribution sowie den Müll – und den Konsumierenden einen weiteren Grund zum Aufhören geben. Das Motto der Deutschen Krebshilfe und des ABNR für Deutschland lautet „Save (y)our future. #LebeRauchfrei“. Nähere Informationen sowie kostenloses Informationsmaterial finden Sie ab Mitte April hier.

SFP Infographic zur Präsenz der Tabakindustrie im EU-Politikbetrieb
Die Einflussnahme der Tabakindustrie ist weltweit eines der größten Hindernisse bei der Umsetzung von effektiven Tabakkontrollmaßnahmen. Erstellt auf der Basis des EU-Transparenzregisters wirft die SFP Infographic 2021: Tobacco industry presence in the EU policy-making environment einen Blick auf die Lobby-Aktivitäten der Tabakindustrie.

Irland: E-Zigarettenkonsum unter Jugendlichen ein “reales Risiko”
In Irland hat der Konsum von E-Zigaretten unter Jugendlichen bedenklich zugenommen (Irish Examiner). Die bisherigen Maßnahmen der Regierung gegen die von E-Zigaretten ausgehenden Gesundheitsgefahren werden als nicht ausreichend betrachtet und es wird eine Ausweitung der bereits bestehenden Tabakwerbeverbote auf E-Zigaretten gefordert.

Krebserkrankungen in den USA: Todesrisiko durch weniger Tabakkonsum stark gesunken
In den USA ist das Risiko, an Krebs zu sterben, von 1991 bis 2019 um 32 Prozent gesunken, wie aus Daten der „American Cancer Society“ (ACS) hervorgeht (Ärzteblatt, Deutschlandfunk Nova). Die Gründe: Die Menschen rauchen weniger und Früherkennung und Behandlungsmöglichkeiten werden immer besser.

Synthetisches Nikotin: Bei steigender Beliebtheit weiterhin unreguliert
Während traditionelle Zigaretten und Dampfprodukte tabakbasiertes Nikotin enthalten, werden Liquids für E-Zigaretten auch auf der Basis von synthetischem Nikotin hergestellt, das bisher weitgehend unreguliert geblieben ist, wie Politico berichtete. Die US-amerikanische Food and Drug Administration (FDA) teilte hierzu mit, dass sie bei solchen Produkten von Fall zu Fall entscheide. Die steigende Popularität des synthetischen Nikotins, welches vor allem auch in aromatisierten Liquids Verwendung findet, die sich bei Kindern und Jugendlichen in den USA einer großen Beliebtheit erfreuen, ruft sowohl Gesundheitsorganisationen als auch Abgeordnete auf den Plan. In einer Anhörung im Dezember 2021 wurde die dringende Notwendigkeit der Regulierung dieser Produkte deutlich.

E-Zigaretten: FDA-Marktzulassungen für aromatisierte Produkte stehen weiterhin aus
Auch drei Monate nach dem Ablauf der gerichtlichen Frist zu den noch ausstehenden Marktzulassungen der US-Food and Drug Administration (FDA) von – insbesondere aromatisierten – E-Zigaretten sind diese Produkte auch weiterhin im Handel erhältlich (Tobacco-Free Kids, HealthDay). In einem gemeinsamen Schreiben richteten sich deshalb Gesundheitsorganisationen an die FDA und forderten eine umgehende Bearbeitung der noch ausstehenden Marktzulassungen und eine Nichtzulassung der aromatisierten Produkte.

British American Tobacco unterstützt die World Vapers’ Alliance
Die World Vapers’ Alliance (WVA) setzt sich für die Vorteile des Wechsels von herkömmlichen Tabakprodukten zur E-Zigarette ein. Nun berichtete Daily Beast von einer Verbindung der WVA zum weltgrößten Tabakkonzern: British American Tobacco. Quellen und interne Dokumente hätten nun gezeigt, dass British American Tobacco eine zentrale und aktive Rolle bei der Organisation, Leitung und Finanzierung der WVA gespielt habe. Gleichzeitig sei die WVA nach außen als Grassroots-Lobbygruppe aufgetreten, welche Pro-Vaping-Fürsprecher aus aller Welt unter ihrem Dach versammle.

Forum of International Respiratory Societies kritisiert die Übernahme von Vectura durch PMI
In einem gemeinsamen Statement unter dem Dach des Forum of International Respiratory Societies kritisierte eine Gruppe von Gesundheitsorganisationen die Übernahme von Vectura, einem Hersteller von Inhalationstechnik, durch Philip Morris International. Das Verhalten von Anteilseignern, Regulatoren und der britischen Regierung sei fragwürdig, zumal es sich nicht um den ersten Fall handle, in dem ein Tabakunternehmen in den Gesundheitsmarkt expandiere.

Impressum

Aktionsbündnis Nichtrauchen e.V. (ABNR)
Geschäftsstelle Bonn

Kontakt: Inga Jesinghaus, Geschäftsführerin • jesinghaus@abnr.de

c/o Stiftung Deutsche Krebshilfe
Buschstr. 32 • 53113 Bonn

Telefon +49 (0) 228 72990 610

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